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Los Angeles, CA
la
- Scampi auf Rädern
- F*** Hollywood: Downtown zwischen Kunst und Kommerz
- Alle Jahre anders: Weihnachten in Hollywood
Food Truck in Venice Beach
Ausnahmezustand auf dem Abbot Kinney Boulevard in Venice Beach. Am "1st Friday", einer allmonatlichen Straßen-Fete, verstopfen Schlangen geduldig wartender Party-People die Gehwege. Nicht etwa, um in eine der kleinen Hipster-Bars zu kommen. Sie stehen vor einer Imbiss-Bude an, immerhin einer ziemlich feinen: Für Spicy Pork Tacos oder Kimchi-Quesadillas aus dem "Kogi BBQ"-Truck des korenaischen Star-Kochs Roy Choi nehmen LAs Gourmets bis zu vier Stunden Magenknurren in Kauf. Zumal die Snacks lediglich zwischen zwei und fünf Dollar kosten. Ihr Glück diesmal: Neben ihnen legt ein DJ vor der Szene-Bar The Brig Trip-Hop auf. Das beruhigt. Denn nicht nur vor ·dem Kogi-Truck (http://kogibbq.com) scharen sich die Hungrigen, auch an den umstehenden Gourmet Food Vans herrscht Hochbetrieb.
Street Food Movement für Gourmets
Wie Pilze schössen die mobilen Edel-Fress-Tempel aus dem Boden, quengelte jüngst die Los Angeles Times. Ob Sushi-Kreationen, veganes Fingerfood, SoCal Fusion oder Mini-Muffins und Ice Cream Sandwiches, die so kunstvoll aussehen, dass sie einen Architektur-Preis verdienen könnten - es gibt kaum etwas, was die rollenden Schlemmerkisten nicht auf ihren (Bio-)Speisekarten haben. Betreiber: kreative Neu-Gastronomen ebenso wie geschäftstüchtige Gourmet-Restaurant-Besitzer. Seit der Einführung der Frozen-Yoghurt-Kette Pinkberry 2007 hat es in den USA nicht mehr so viel Hype um einen Food-Trend gegeben.
Denn nicht nur in LA pilgert Feinschmecker zu den - mittlerweile auch von offizieller Seite nicht mehr zu zählenden - Snack-Bars auf Rädern, die solch putzige Namen wie India Jones, The Munchie Machine, Fish Lips Sushi, Flying Pig, Coq au Van und Barbie's Q tragen. Auch in New York, Seattle, Austin, Portland, Washington DC, Miami und San Francisco fahnden Food-Fans multimedial per Twitter, Aps wie mobilecravings.com und Facebook nach ihren Lieblings-Lastern. "Die Trucks sind Ausdruck eines völlig neuen urbanen Lebensstils", sagen Szene-Kenner wie James Rojas, vom Latino Urban Forum über das neue "Street Food Movement", das sich aus einem Klassiker des LA-Straßenlebens entwickelt hat: dem mexikanischen Taco-Truck.
Wie die als Mikroben-Schleudern verschrienen "roach coaches” (Schaben-Kutschen) eine neue Ess-Kultur begründen konnten? "Seit Beginn der Rezession ist bei vielen Schleckermäulern das Geld knapp", so Rojas. Sogar Wall-Street-Banker stehen mittags artig vor ihren Lieblingsfutterklappen an, meldet die Financial Times - zum Leidwesen umliegender Edel-Restaurants, die den Truck-Trend verpennt haben. Bieten die Wagen doch High-End-Cuisine zu unschlagbaren Sparpreisen.
Sterne-Cuisine to go
Beispiele: Am New Yorker Rickshaw Dumpling Truck, dessen Rezepte von Küchen-Chefin Anita Lo aus dem Sterne-Restaurant Annisa stammen, kosten sechs Dumplings mit Dipping nur 6.50 Dollar. In San Francisco gibt es bei Spencer on the Go (www.spenceronthego.com) Escargot-Spießchen für läppische zwei Dollar. Und das, obwohl das mobile Bistro Gourmet-Koch Laurent Katgely gehört, Chef des feinen (und teuren) französischen Restaurants Chez Spencer.
Hungrige Geschäftsleite schätzen die Vans ebenso wie Nachtschwärmer: Weil jeder Truck seine Standorte twittert und die immer da sind, wo zu später Stunde das Leben tobt, kann sich der hungrige Szene-Gänger sicher sein, am dem Truck seines Vertrauens eine anständige Fete vorzufinden. Nicht weiter verwunderlich also, dass viele Vans treue Follower-Gemeinden haben und nebenher Käppies, T-Shirts und Sticker mit ihren oft quietschbunten Logos kaufen. Die Fans von NomNom (www.nomnomtruck.com) nennen sich selbst Nomster, die Anhänger des griechischen Schlemmer-Wagens Louks, LA, schreiben sogar einen "Junkie-Blog" (http://www.loukstogo.com/junkies.html). Auf www.ilovefoodtrucks.com wird jeder neue Truck-Trend geposted und diskutiert.
Foodies finden "ihren" Truck per Twitter
Und weil die Konkurrenz hart ist, buhlen die Gastro-Laster nicht nur mit fantasievollen Snacks und lustigen Gadgets um Neukunden, sondern auch mit schrägen Designs. Das Auge der Fans ißt schließlich mit. Der poppig rote Sprinkles Cupcake Van (www.sprinkles.com) aus Los Angeles schaffte es sogar bis in die Oprah Winfrey Show.
Das überzeugt. Und so investieren selbst Küchen-Chefs, die vor kurzem noch verächtlich ihre Nasen über die Vans rümpften, eifrig ins lukrative Speisewagen-Geschäft, nicht zuletzt, weil sich ein rollendes Restaurant mit vergleichsweise wenig Startkapital eröffnen lässt, selbst wenn man die täglichen Knöllchen wegen Falschparkens mit einrechnet. Aus einigen "Truckern" wie "Kogi BBQ" sind mittlerweile kleine Catering-Imperien geworden.
‑Andere Gastronomen freuen sich schlicht und einfach, der Enge ihrer Küche entronnen zu sein, Joshua Henderson beispielsweise. Der 36-Jährige, ausgebildet am renommierten Culinary Institute of America, kochte zuletzt im feinen Avalon Hotel (Beverly Hills). Dann zogen er und Gattin Kelli nach Seattle und investierten in einen alten Airsteam Trailer. Mit Erfolg: Hendersons "Skillet Evolved Cuisine" (www.skilletstreetfood.com) strich bereits im ersten Geschäftjahr satte Gewinne ein. Mittlerweile besitzt er zwei Wagen, serviert rund 200-mal täglich Lunch und freut sich über die Nähe zur Kundschaft, wenn er Fenchel-Lasagne, Scampi-Eintopf provenzalische Art und Poutine „to go“ serviert.
Nicht nur die Aussicht auf kreative Küche lockt sparsame Genießer auf die Straße. In Zeiten wachsenden Umweltbewußtseins ist Political Correctness auch beim Street Food ein Muss. Klassiker wie die Green Truck s(www.greentruckonthego.com) in Los Angeles bieten nicht nur politisch korrekte Fisch-Tacos, Öko-Gemüse und Bio-Hühnchen an, sie fahren zudem mit Pflanzen-Öl. In der San Francisco Bay Area dreht der gebürtige Schweizer Thomas Odermatt in seinem RoliRoti Rotisserie Truck (www.roliroti.com) Freilandhuhn, Lamm und Schwein von kalifornischen Bio-Höfen am Röstspieß. Die Öko-Trucker von On The Fly in Washington DC fahren ihre Bio-Snacks emissionsfrei mit elektrischen Smartkarts durch die US-Hauptstadt, und The Cinnamon Snail LA (www.cinnamonsnail.com) verspricht hungrigen Veganern gar "food to help you transform into a being of pure light". Per Schlemmer-Express ins Nirvana - wer will das nicht?
Bei so viel gutem Karma kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Europa die Lunch-Truck-Erleuchtung kommt. Durch London rollen bereits die ersten Gourmet-Vans wie Daddy Donkey (Wraps), Comptoir Libanais (libanesische Snacks) und Keelung (taiwanesische Tapas). Und was in London angesagt ist, wird auch auf dem Kontinent Trend - hoffentlich.
- gekürzte Fassung in Prinz (Printausgabe) und auf prinz.de -
Art District in Downtown Los Angeles
Art District in Downtown Los Angeles
"Von wegen, in LA geht niemand zu Fuß!" Mel (Name geändert) donnert ihren Kaffeepott auf den Tisch. "Das waren mindestens fünf Blocks. Und dann auch noch mit Gepäck!" Wir sitzen im plüschigen Angelique Café, einer Institution in Downtown LA gleich um die Ecke vom legendären Orpheum Theater und schweigen erschöpft. Dabei ist es noch nicht einmal Mittag. Aber Designer-Sample-Sales schlauchen, vor allem, wenn sich die Schnäppchen-Jagd im California Market Center über sieben Etagen erstreckt.
Bar-Mann Brian bringt Eggs Benedict und noch mehr Kaffee "Americano", schwarz. "Hier Mädels, Kraftfutter." Zum Lippen-Piercing trägt er ein Shirt mit der Auschrift "F**ck Hollywood". Wer in Downtown lebt, hat für den überkandidelten Entertainment-Zirkus zwischen Sunset Boulevard und Franklin Avenue wenig übrig. Erstaunlich eigentlich, wenn man bedenkt, dass sich auf dem Broadway um die Ecke bis zum Zweiten Weltkrieg die weltweit größte Anzahl von Premieren-Kinos fand. Doch das ist nach Los-Angeles-Zeitrechnung eine Ewigkeit her.
Heute ist Downtown LA, zu dem auch der älteste Teil der Metropole, das 1781 gegründete Pueblo de Los Angeles an der Olvera Street zählt, ein unübersichtliches Konglomerat aus 15 Distrikten - darunter Bunker Hill mit seinen Theatern, der Walt Disney Concert Hall und dem dem höchsten Wolkenkratzer (310 Meter) der Stadt, dem Financial Center, Chinatown mit der Union Station, Little Tokyo, das Warehouse-Viertel mit der Obdachlosen-Meile Skid Row und die Toy-, Arts-, Fashion- und der Jewelry Districts, deren Namen Programm sind. Historisches Herz und derzeit Darling junger Kreativer: der "Historic Core" zwischen Hill und Main Street, der 3rd und 9th Straße.
Punk, Pop-Art & Pop-up-Läden
In den einst von armen Latinos und Obdachlosen bevölkerten Straßen hat sich in den vergangenen Jahren eine enthusiastische Künstler- und Kreativ-Community etabliert, mit putzigen Pop-Up-Läden, schrägen Galerien, kleinen Restaurants und versteckten Souterrain-Bars, in denen Musik und Stil der 20-er-Jahre zelebriert und Burlesque getanzt wird. Das lockt auch Investoren an den immer noch gammeligen Broadway. Noch residieren Kunst und Kommerz im historischen Stadtzentrum friedlich nebeneinander: Zwischen Architektur-Meilensteilen, die Filmgeschichte atmen wie das Bradbury Building und abgeblätterten Grand-beaux-art-Gemäuern protzen aufwändig renovierte Stadthäuser mit Lofts, Dachterrassen und Fitness-Centern. Eine schleichende “Manhattanization” , befürchtet die Los Angeles Times. Zu Recht? Noch eröffnet sich alle paar Straßenecken ein anderer faszinierender Mikro-Kosmos.
Mel trottet die 9te Straße Richtung Santee Street hinunter, einer neuen kleinen Welt entgegen: Im Santee Alley, in einem Gewirr von Bruchbuden, die scheinbar nur noch von verwegen gespannten Stromleitungen zusammengehalten werden, versteckt sich ein stets proppenvoller mexikanischer Straßenmarkt. Durch die 200 Lädchen wuseln Latinos, Hipster mit Fedoa-Hüten und tätowierte Gang-Banger. Ein paar verirrte Touristen aus dem mittleren Westen bestaunen die eigentümliche Angebotspalette aus Motiv-Shirts, Bongs, Plastik-Spielzeug, Rüschenkleidern und Formunterwäsche. Es riecht nach frischen Tortillas, Diesel und Gummi-Sandalen. Man spricht Spanisch oder mit Händen und Füßen.
Mel hastet an den gefährlich billigen koreanischen Modeschmuck-Läden vorbei, die sich um die Ecke auf dem Olympic Boulevard wie Plastik-Perlen aneinanderreihen auf die Main Street. Statt Mexiko-City- gibt's hier New-York-Flair. Für einen Freitagnachmittag im Herzen einer Großstadt geht es recht beschaulich zu. Vor "Big Man Bakes" hat es sich der "dicke Mann", Besitzer Chip, gemütlich gemacht und preist seine hausgebackenen Kuchen nach Geheimrezepten von Mama an: "Ein Leben ohne Cupcakes ist möglich, aber sinnlos, oder?", sagt er und packt zweimal Geschmacksrichtung "Blue Velvet" ein. Bis vor kurzem war sein Laden ein beliebter Stopp beim allmonatlichen Downtown Artwalk, einem kunterbunten Galerie- und Straßenfest zwischen Spring und Main Street. Das hier viel Schrott gezeigt wurde, störte keinen, schließlich konnte man sich den ja schön trinken. Doch im Oktober war Schluss mit Feiern. Begründung: Der Art Walk sei zu groß und ausufernd geworden. Die Fans waren fassungslos. (*Update am Ende des Textes)
Kunst, Kitsch & Krimskrams: Der Downtown Artwalk
Wenn auch die Zeit der nächtlichen Straßenfete vorerst vorbei ist, im Vorbeigehen ein bisschen Kunst gucken und eine Runde mit den äußerst mitteilungsbedürftigen Ausstellern über das Leben philosophieren, kann man trotzdem noch vortrefflich. Die meisten Galerien von jungen Wilden oder zumindest wild Ambitionierten finden sich zwischen Broadway und Main Street auf Höhe der 2ten bis zur 8ten Straße und tragen putzige Namen wie Art Murmur, Art Slave, Red Dot und The Hive. Einer der umtriebigsten Galeristen ist Edgar Varela, der in seiner Galerie EVFA in der 5ten Straße Ecke Main Street auch deutsche und österreichische Künstler ausstellt. Seine Vernissage-Partys sind stadtbekannt.
"Gehen wir ins Edison? Da gibt's Live-Swing", fragt Mel und stopft die bei EVFA eingesammelten Flyer in ihre Handtasche. Nicht weit vom Broadway in der 2ten Straße liegt, versteckt in einer Gasse, die schönste Bar Downtowns. Eine Stahltreppe führt hinab in ein ehemaliges Kraftwerk und zurück in die frühen 20er Jahre. Es laufen Stummfilme, während der Happy Hour gibt es einen Martini zum Rezessionspreis: 25 Cents. Die Gäste, gern in Hut, Anzug oder Cocktail-Kleid, sitzen zwischen Generatoren anno 1910. Im Edison herrscht, wie in vielen Downtown-Bars, ein strikter Dress-Code: Shorts und Turnschuhe sind tabu.
Leicht angeglüht klackert Mel zwischen Brownstone-Häusern dem Cole's entgegen. Die schummrige Diner-Bar von 1909 birgt im Hinterzimmer ein noch schummerigeres Geheimnis: The Varnish, eine klitzekleine festerlose Prohibitions-Bar. Der Charlston klingt hier wie vom Grammophon, Öllämpchen flackern, das Leben ist schön - bis der kleine Hunger kommt. Schweren Herzens streicht Mel den Crocker Club in einem ehemaligen Bank-Tresor zugunsten des Nickel Diners auf der Main. Wie viele kleine Restaurant-Betreiber hat auch der Erfinder des "Marple Bacon Doughnut" keine Alkoholschanklizenz, und das ist in diesem Falle gut so. Die altmodischen "Sodapops" machen nüchtern, während man auf gehaltvolle Kleinigkeiten aus dem "Soak up the Alcohol"-Menü wartet und danach durch Neonreklame beleuchtete Straßenschluchten zur Flower Street aufbricht - einer neuen Welt im 70s-Stil entgegen.
Am Pershing Square werden die Füße schwer. "Wollen wir nicht nicht die Metro nehmen?" fragt Mel. "Ach komm, noch vier Blocks." Kurze Zeit später stecken ihre Füße im Pool der Standard Rooftop Bar, in den schon Britney Spear oben ohne geplanscht hat. "Holst du noch'n Tecate?", murmelt sie, während sie sich auf den quietschgrünen Kunstrasen fläzt und das nächtliche City-Panorama ignoriert. "Und falls auf dem Weg zu Bar irgendjemand behauptet, in LA ginge niemand zu Fuß, tret ihm in den Hintern."
- gekürzte Fassung in Prinz (Printausgabe) und auf prinz.de -
*Update: Eine "massentauglichere" Variante des Downtown Artwalk findet jetzt wieder an jedem zweiten Donnerstag eines Monats statt. Weitere Infos: http://downtownartwalk.org/downtown-artwalk/
Weihnachten auf Balkonien LA Style
"Nee, also Feiertage ohne Schnee und so, das wäre ja nichts für mich." - Wie oft ich diesen Satz
gehört habe? Keine Ahnung, ich zähle nicht mehr. Viele meiner deutschen Freunde kommen erst bei Tageslicht-Defizit, Minusgraden und Nahtod-Erfahrungen in einem überheizten Kaufhaus in Weihnachtsstimmung. Mir hingegen graust vor langen Wintern. Als es mich beruflich nach Los Angeles verschlug, war ich fixer im Flieger als Santa Claus im Rentierschlitten.
Allen Zweiflern sei nach meiner siebenjährigen Erfahrung mit "Xmas in California" versichert: Weihnachtsstimmung ist auch bei 20 Grad und in Flip-Flops möglich, wenn nicht gar unabwendbar. Schließlich bin ich im ultimativen Unterhaltungs-Mekka unter Entertainment-Profis gelandet. Und die läuten ab Mitte November unbarmherzig die Weihnachtszeit ein.
Den Auftakt macht das auch bei Schauspiel-Prominenz beliebte Open-Air-Einkaufszentrum The Grove im Fairfax District. Alljährlich werden dort mit viel Gewese die 15.000 Lichterkerzen des angeblich größten Weihnachtsbaums in Kalifornien (33 Meter) angeknipst. Dazu jubilieren Gospel-Chöre, Nachwuchskünstler und Stars wie Natalie Cole und Keith Urban. Letzteres ist zugegebenermaßen sehr erbaulich. Über allem schwebt ein armer Sack in einem Schlitten und brüllt im Viertelstundentakt "Ho-Ho-Ho". Immerhin: Da die Temperaturen abends auf acht Grad Celsius sinken, kommt so etwas ähnliches wie Winterstimmung auf. Den Rest besorgen Schneekanonen.
Damit habe ich meine jährliche Dosis Weihnachtskitsch meist intus. Nur ganz selten verirre ich mich zur Hollywood Christmas Parade, einem karnevalesken Riesen-Umzug mit irgendeinem B-Promi als "Grand Marshal" (in diesem Jahr Marie Osmond) an der Spitze, der u.a. am Kodak Theater vorbei zieht. Das passt. Wer die Menschenmassen am Hollywood Boulevard ohne lebensbedrohliche Quetschungen überlebt, darf sich rühmen, ein Spektakel "wie im Film" erlebt zu haben. Ich persönlich ziehe die Glühwein-Abende meiner skandinavischen Freunde mit Stollen und Spekulatius vor; Leckereien, die es glücklicherweise auch in LA zu kaufen gibt. Ein bisschen nordische Gemütlichkeit muss sein.
Das wirklich Faszinierende an der Metropolregion Los Angeles ist, dass ihre rund 13 Millionen Einwohner aus allen Winkeln der Welt stammen. Dementsprechend international ist mein Freundeskreis. Meine Weihnachtstage stehen unter dem Motto: Alle Jahre anders. Weil echte Angelenos den Heiligen Abend nicht feiern, wird das jährliche Holy-Night-Dinner von uns Zugereisten organisiert. Und damit gehen die Probleme los: Italien lehnt deutsches Essen grundsätzlich ab, Belgien mag keine Pasta, Mexiko will Carnitas kochen, Israel darf aber kein Schweinefleisch essen, die Schweiz wünscht sich Fondue, Spanien ist aber seit drei Wochen fleischlos glücklich, Finnland, Korea, Ungarn und Großbritannien geben auf und verständigen sich darauf, Wein zu besorgen und ein paar Take-away-Menüs mitzubringen - für den Notfall.
Schlussendlich passiert das, was immer passiert: In letzter Minute werden sich alle einig, sitzen aufgeputzt wie Christbäumchen am festlich gedeckten Tisch, auf dem - Oh, Wunder! - Speisen stehen, die jedem schmecken und stimmen nach einigen Gläsern "Bubbly" (Sekt) Gesänge aus ihren Heimatländern an. Tja, gnadenbringende Weihnachtszeit. Wer nicht in der Nachbarschaft wohnt, sinkt zu später Stunde auf Sofas und Luftmatratzen nieder, Profis werfen vorsorglich noch zwei Aspirin ein, denn in den USA geht die Party am 25. erst richtig los: Wer nicht Kinder, Familie und Verwandtschaft bespaßen muss, vergnügt sich auf diversen Festivitäten im Freundeskreis. Selig ist, wer einen beheizten Pool besitzt und in dem Trubel einfach nur den Grill anschmeißen muss.
Dass der zweite Weihnachtstag in den USA ausfällt, macht übrigens nichts. So bleibt ein Tag mehr Zeit, den seit Oktober angefutterten Halloween-Thanksgiving-Hanukkah-Pfunden mit Karotten-Sticks zu Leibe zu rücken, bevor das Silvester-Büffet aufgebaut wird. Muss schließlich alles spätestens zu den Oscars wieder runter sein.
Klingt wenig besinnlich? Das täuscht. Beten tun Angelenos aller Konfessionen dieser Tage viel und imbrüstig - dafür nämlich, dass die Weihnachtszeit nicht wieder im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fällt. 2010 zwangen starke Regenfälle, Erdrutsche und Schlammlawinen viele Bürger in Notunterkünfte, der damalige Gouverneur Arnold Schwarzenegger rief für Teile Südkaliforniens gar den Notstand aus.
Also, lieber Santa Claus, verkneife Dir das mit der Sturm- und Gewitterfront doch bitte, damit wir unseren Fondue-Pott dieses Jahr wieder im Garten aufstellen können.
- auch zu lesen in der Weihnachtsbeilage 2011 des NE -
Los Angeles, CA
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